Villa Schwalbe

Villa Schwalbe

Der Bau diente als Wohnhaus des Fabrikanten J. S. Schwalbe. Die im Jahre 1811 gegründete Maschinenfabrik von Schwalbe etablierte sich ab 1856 in der Chemnitzer Fabrikstraße mit dem Titel „Maschinenfabrik Germania von J.S. Schwalbe & Sohn". Zum Produktionsprofil gehörten damals u.a. Wärmetauscher, Chemieanlagen, Reaktoren, Reaktionskolonnen und Lokomotivkessel.

1811 ist das letzte Friedensjahr Napoleons vor seinem Russland-Feldzug und seiner Niederlage im Osten. Das Desaster der französischen Armee in der Völkerschlacht bei Leipzig zwei Jahre später ist zu der Zeit schier unvorstellbar. Johann Samuel Schwalbe ist im März 1778 geboren, in Brand bei Freiberg. Wie viele junge Burschen jener Zeit schlägt er sich als Wandergeselle durch. 1811 kommt Johann Samuel Schwalbe in Chemnitz an. In diesen Jahren beginnt auch die Industrialisierung der Stadt. In der Baumwollmaschinenspinnerei der Gebrüder Bernhard in Harthau sammelt Schwalbe Berufserfahrungen, die er zukünftig als Fabrikant brauchen sollte. Noch im Jahr seiner Ankunft wird seinem Antrag auf Erteilung des Bürgerrechts stattgegeben.

Es dauert nicht lang, bis sich Schwalbe selbstständig macht. Die in seiner Werkstatt gefertigten Maschinen werden noch von einem Pferdegöpel angetrieben. Bald jedoch erfolgt der Wechsel von Pferde auf Dampfkraft. Johann Samuel Schwalbe verkündet der Öffentlichkeit den Wechsel zur Dampfmaschine. Schwalbes Werk ist erst am heutigen Theaterplatz, vormals Anger, später in der Friedrichstraße, wo sich heute der Parkplatz des Hotels Merkur befindet und schließlich in der Fabrikstraße am Fuße des Kaßbergs. 1845 stirbt Johann Samuel Schwalbe. Seine drei Söhne führen das Familienunternehmen weiter. Jedoch mit nur mäßigem Erfolg, wie sich zeigen sollte. Anfangs laufen die Geschäfte noch ganz gut. Mit marktabhängigen Krisen bricht jedoch der Umsatz ein. Der jüngste Sohn Franz Louis übernimmt die Geschäfte. Am Standort Fabrikstraße am Fuße des Kaßbergs siedelt sich um 1850 ein Großbetrieb an. Er produzierte Spinnmaschinen, Großkessel sowie Brauerei- und Melzanlagen, später auch Dampfmaschinen und Wasserturbinen.

„Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang, dass inmitten des Geländes oder am Rand dieses Großbetriebes die Fabrikantenvilla mitgebaut wurde. Und das war typisch für diese Zeit, dass die Fabrikanten am Ort des Geschehens, also auch bei den rauchenden Schloten, beim Lärm, gewohnt haben. Diese Sache änderte sich erst später, so um 1900, wo dann die Fabrikanten doch mehr die ruhigeren, die besseren Wohnlagen gesucht haben und von oben auf ihre Fabriken herabgeguckt haben.“

So entsteht im Jahre 1853 zwischen Chemnitz-Ufer und Kaßberghang ein unterkellertes, dreistöckiges Gebäude im Stile des Spätklassizismus, die Villa Schwalbe. Der Bau hat ein schlichtes Viereck als Grundriss und bekommt einen Winterbalkon an der Südseite. Das Walmdach erhält in seinem First ein tageslichtspendendes und dezentes Oberlicht. Verziert sind die Fenster und Türgewände mit dem damals bei Hilbersdorf gewonnenen Porphyr. In der Villa wohnen neben dem Unternehmer auch leitende Mitarbeiter mit ihren Familien. Das Haus wird jeweils an die Nachfahren der Familie Schwalbe vererbt.

1873 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und hieß fortan Maschinenfabrik Germania, vormals JS Schwalbe und Sohn. Im Werk nebenan stehen in Flautezeiten die vor Ort gefertigten Großkessel in den Lagern. Sie werden Mitte der 1880er Jahre an eine eigens gegründete Brauerei verkauft. Das Firmenlogo ist ein sitzender Einsiedlermönch. Auf seiner Armlehne ein Vogel, eine Schwalbe, nach der der Mönch die Hand ausstreckt. Wer kennt diese Brauerei nicht? Sie hat die Jahrzehnte überdauert und liefert noch heute wohlschmeckenden Gerstensaft aus. Ihr Name? Einsiedler Brauhaus.

Zum 100-jährigen Firmenjubiläum 1911 liefert die Firma Schwalbe noch, doch wenige Jahre später lässt der Erste Weltkrieg das Unternehmen straucheln. In der Zeit der Rezessionen in den 1920er Jahren kauft die Stadt das Grundstück der Maschinenfabrik Germania, vormals JS Schwalbe & Sohn AG, und vermietet es weiter an die Firma. Die Bombenangriffe 1945 zerstören das Werk an der Fabrikstraße 7 vollständig. Die Villa Schwalbe bleibt verschont, sie steht nun allein. Ab Juli 1946 erfolgte die Überführung des Werkes in Altchemnitz in Volkseigentum und das Unternehmen hieß fortan VEB Germania. Ende der 1950er Jahre bildeten sich zwei Schwerpunktbereiche in der Produktion heraus, ein Anlagenbau und ein Apparatebau. Der Anlagenbau erhielt daraufhin den Namen VEB Anlagenbau Karl-Marx-Stadt. Der Apparatebau hieß weiterhin VEB Germania.

Um 1940 wird der Parkhausbetrieb bereits eingestellt. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges sind zur Abwehr von alliierten Luftangriffen auf dem Dach Flaks stationiert. Diese verhindern jedoch nicht, dass die Gebäude getroffen werden. Das als Hotel genutzte Nebenhaus brennt vollständig aus, die Hochgarage kommt noch glimpflich davon. Nach Kriegsende übernimmt die Treuhandabteilung des Rates des Bezirkes die Immobilie und lässt sie sanieren. 1953 zieht ein Großhandelskontor für Haushaltswaren ein und von nun an wird die ehemalige Hochgarage als Lager genutzt. Eine Etage ist der Fahrbereitschaft des Rates des Bezirkes vorbehalten.

Nach der Wende entsteht in einem Obergeschoss ein Großraumbüro für 30 Mitarbeiter. Ein weiteres Großraumbüro dient als Einzelhandelsgeschäft für Haushalts- und Spielwaren. Auch das Industriemuseum Chemnitz mietet zeitweise Lagerräume und ein Designmöbelhaus bezieht eine Etage. 1994 wird das Objekt an den vormaligen Eigentümer, die Familie Borchardt, ansässig in Berlin und München, rückübertragen.

Der VEB Anlagenbau konnte umfangreiche Projekte im In- und Ausland umsetzen, so in Schwedt, den Leuna-Werken wie auch in der damaligen Sowjetunion. Beide Unternehmen sind auch heute noch erfolgreich. Nunmehr als CAC Chemieanlagenbau Chemnitz weltweit tätig und ein kleinerer Betrieb produziert seit 1998 als Harald-Liebers-Behälter-Apparatebau-GmbH am alten Standort Schulstraße. In der Nachkriegszeit dient die Villa Schwalbe als Wohnhaus, später bleibt sie leer. Erst nach der Wende erwirbt ein privater Investor die Immobilie und saniert sie nach und nach. Es entstehen moderne Wohnungen und Büroräume im Erdgeschoss.

09111 Chemnitz
Fabrikstraße 7

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