Firmengebäude ehem. Färberei Haase
Die ehemalige Färberei Theodor Haase beinhaltet ein ganzes Stück Chemnitzer Industriegeschichte.
Sie befindet sich hinter dem Stadtbad – schräg gegenüber der Janssen-Fabrik, für deren Bau Ende der 20er, Anfang 30er Jahre die ehemaligen Zimmermann-Werke weichen mussten.
Es ist ein Schmuckstück geworden. Das Gebäudeensemble in der Rochlitzer Straße in der Chemnitzer Innenstadt kann sich wahrlich sehen lassen. Dabei war es mutig, dem Industriedenkmal Färberei Theodor Haase mit seinem ursprünglichen Gründerzeitscharm einen modernen Anbau zur Seite zu stellen. Nach Vorgaben des Denkmalschutzes sollten der achteckige Wasserturm und das über 100 Jahre alte Fabrikgebäude mit Klinkerfassade ihre Ursprünglichkeit behalten. Der alte Schornstein blieb ebenfalls an seinem Platz und fügt sich in das Ensemble ein. Oben auf dem Schornstein richteten professionelle Höhenkletterer einen Nistplatz für Turmfalken ein als Umweltschutzauflage.
Lob gebührt dabei dem privaten Investor, einem ortsansässigen Fotodienstleister. Das wachsende Unternehmen kaufte 2007 das brachliegende Grundstück und plante langfristig auf einen neuen, größeren Firmensitz hin. Gegenwärtig arbeiten etwa 250 Mitarbeiter auf rund 8000 Quadratmeter Fläche. Im Wasserturm ist das Management des Unternehmens und die Verwaltung hat ihren Sitz in der ebenfalls sanierten Haase-Villa.
Die Gebäude stehen direkt hinter dem Stadtbad am Fluss Chemnitz, sodass die Sanierer es gleich nach Baubeginn im Jahr 2012 mit dem Hochwasser zu tun bekamen. Die Wassermassen unterspülten zum Teil die Fundamente. Um zukünftigen Überschwemmungen vorzubeugen, wurden Flutbarrieren eingebaut. Die neue Ufermauer mit einer vorgelagerten Böschung dient als weiterer Schutz. Außerdem wurden die unteren Fenster im Gebäude höher angeordnet.
Vor den Umbauarbeiten dokumentierten die Planer die historische Fassade. Dann wurde sie abgetragen und nach heutigen bautechnischen Vorgaben auf Betonpfählen an der Flussufermauer sicher und gemäß dem Original wiedererrichtet. Umso stärker wirkt der Kontrast zum modernen Anbau. Aber das ist so gewollt und kommt bei den Betrachtern gut an. Im Neubau ist das Schulungszentrum des Unternehmens untergebracht. Im Altbau erinnert im Foyer eine alte Kranbahn an die frühere Nutzung. Sie schwebt als Zeugnis einer anderen Zeit über den Mitarbeitern und Gästen.
Dem modernen Arbeitsleben angepasst sind die Innenräume hell und locker gegliedert, umfasst vom Sichtmauerwerk vergangener Epochen. Das großzügig angelegte Außengelände mit vielen Grünflächen bietet den Angestellten Freiraum in den Pausen und ein Sportgelände kann in der Freizeit genutzt werden. Rückzugsmöglichkeiten gibt es außerdem im Atrium, Wintergarten und Cafeteria, in der auch Gäste willkommen sind.
Bei Kaffee und Kuchen drehen wir das Rad der Geschichte und gehen zurück zu den Anfängen der Färberei Theodor Hase. Bereits 1801 bekommt der Färber Peter Gerenbeck ein Baugrundstück auf der sogenannten Kunstbleiche zugewiesen. Die Anlage am Fluss Chemnitz wird schnell erweitert. Bald darauf wird ein Wohnhaus errichtet, an das im Laufe der Jahre wiederholt angebaut wird. Im Chemnitz des 19. Jahrhunderts entstehen viele Färbereien, die in Konkurrenz zueinander stehen. Um 1860 gründet Theodor Haase am Pfortensteg eine Färberei. Das Unternehmen expandiert ständig, bis die Gebäude und Grundstücke zu klein werden.
Um die Jahrhundertwende muss ein neuer, größerer Standort her. Diesen findet Theodor Hase in der ehemaligen Gerenbeck-Färberei in der Rochlitzer Straße 19. 1910 kauft er Grundstück und Gebäude. 1908 bis 1909 hat der vorige Nutzer, die Schrepel und Kutschbach AG, ein modernes Fabrikgebäude bauen lassen. Eine tragende Stahlbetonkonstruktion wurde nach Plänen des Chemnitzer Bauingenieurs Bruno Bayer von einer Klinkerfassade eingefasst. In der Nachbarschaft produziert die Werkzeugmaschinenfabrik von Johann von Zimmermann. Heute befindet sich dort das Stadtbad.
Die Geschäfte von Theodor Hase florieren. Er übernimmt benachbarte Färbereien wie die von Hermsdorf. Hermsdorf hatte ein Patent auf die Schwarzfärberei, die zunehmend die Welt der Damenmode beeinflusst, vorrangig die Strumpfproduktion. Deshalb knüpft Theodor Hase Beziehungen zum Strumpfhersteller Esche. 1922 bis 1923 werden in der Färberei von Theodor Haase der markante Wasserturm und der 60 Meter hohe Schornstein gebaut. Dafür zeichnet der Architekt Paul Kranz verantwortlich, der fast zeitgleich das Projekt des Erweiterungsbaus der Strumpffabrik von Moritz Samuel Esche am Walkgraben leitet. Das 100 Jahre zuvor erbaute Gerenbecksche Wohn- und Kontorhaus wird im Stil des Art Deco umgebaut und ist noch heute so erhalten.
Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sind in der Färberei an die 200 Menschen beschäftigt. Die Bombenangriffe im Februar 1945 verschonen auch die Werkanlagen an der Rochlitzer Straße 19 nicht. Ca. 80 % der Gebäude und Einrichtungen werden beschädigt. Nach dem Wiederaufbau wird die Färberei weiter betrieben, schließlich 1972 verstaatlicht und in das Strumpfkombinat Esda-Thalheim eingegliedert. Später läuft der Betrieb unter dem Namen VEB-Faserveredlung Karl-Marx-Stadt. Nach der Wiedervereinigung wird jahrelang nach einem Käufer und Investor gesucht – bis zum Jahr 2012.
In die ehemalige Färberei Hase ist wieder Leben eingezogen. Es bleibt zu hoffen, dass dies manchen fast vergessenen Industriedenkmälern ebenfalls vergönnt sein wird, die ihre interessanten Geschichten ebenso den Chemnitzern und ihren Gästen erzählen könnten.
„Ja, also diese Färberei von Theodor Hase an der Rochlitzer Straße hinter dem Stadtbad gelegen, unmittelbar am Chemnitzfluss stehend – die Färbereien brauchten immer das Wasser – ist natürlich ein gut erhaltenes Beispiel auch in der Innenstadt für ein sehr prägnantes Ensemble aus verschiedenen Bausteinen der Industriearchitektur bestehend. Zum Beispiel ein Fabrikbau, ein Schornstein, der noch erhalten ist und auch einen Wasserturm, der auch heute eine Umnutzung erfahren hat. Und natürlich ein Wohn- und Kontorhaus, was etwas weiter vorn steht und in Form des Art Deco überformt worden ist, 1923. Und wenn man genau hinschaut an dieser Fassade, entdeckt man den Herrn Haase selbst und einige seiner industriellen Mitstreiter dieser Zeit, die es über den Schlussstein der Fenster zu sehen sind.“
09111 Chemnitz
Rochlitzer Straße 19