Jugendherberge „eins“ im ehem. Umspannwerk
Das Gebäude diente einst der Stromversorgung für die städtische Straßenbahn: Auf 500 m2 wurde unterirdisch Energie in Batterien für die Hauptverkehrszeiten gespeichert. Im Stil der klassischen Moderne entworfen, besitzt das denkmalgeschützte Gebäude architektur- und technikgeschichtliche sowie städtebauliche Bedeutung.
Um 1909 entstand der markante Bau am Getreidemarkt. Chemnitz wuchs damals rasant, und damit auch der öffentliche Verkehr. Seit 1879 fuhren Pferdebahnen durch die Stadt, seit 1893 nutzten die ersten Bahnen elektrischen Strom. Für den dichter werdenden Linienverkehr der Straßenbahnen benötigte man in der Innenstadt ein Umformwerk. In dem Gebäude wurden unterirdisch auf 500 Quadratmetern Fläche Batterien zur Speicherung größerer Energiemengen für die Hauptverkehrszeiten der Straßenbahn gelagert. Als eines der wenigen Bauwerke in der Innenstadt überlebte das Gebäude den verheerenden Bombenangriff auf Chemnitz im März 1945. Es zählt zu einem der wenigen Zeugnisse des modernen Bauens der Goldenen Zwanziger Jahre in Chemnitz.
Seit 2012 wird das ehemalige Umspannwerk auf dem Getreidemarkt als Jugendherberge genutzt.
Die Gäste des City Hotels 1 am Getreidemarkt können zahlreiche Sehenswürdigkeiten der sächsischen Industriemetropole zu Fuß erkunden. Um eine davon zu sehen, müssen sie nicht einmal das Haus verlassen. Denn früher war das Gebäude ein Umspannwerk. Es legt heute Zeugnis ab als Teil der Chemnitzer Industriearchitektur und ist von stadtgeschichtlicher, technik- und verkehrsgeschichtlicher Bedeutung.
Drehen wir das Rad der Geschichte auf den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Im Zeitalter der Industrialisierung steigt der Energiebedarf. Es wird immer mehr Elektroenergie benötigt. Im Jahre 1909 erhält der Stadtbaurat Richard Möbius den Auftrag, ein Umspannwerk zu errichten. Noch Ende Dezember desselben Jahres geht es in Betrieb.
Vier Jahre später beläuft sich der Stromverbrauch auf 4,36 Kilowatt pro Stunde. Unter der Regie von Stadtbaurat Richard Möbius entstehen im selben Jahr, 1909, das Museum und die Oper, bereits 1905 die Hauptfeuerwache und 1911 das neue Rathaus.
Weil in den 1920er Jahren gerade die elektrischen Straßenbahnen mehr und mehr Strom verbrauchen, muss ein neues Umspannwerk bzw. Transformatorenwerk her. Den Auftrag für den Entwurf der Erweiterung bzw. des Neubaus erhält Friedrich Wagner-Poltrock. Der Architekt ist 1883 im Brandenburgischen geboren. Heute wird er der klassischen Moderne zugeordnet. Er arbeitet von 1914 bis 1925 als Stadtbaurat im Beamtenstatus in Chemnitz und macht sich 1924 mit einem Architekturbüro selbstständig. Friedrich Wagner-Poltrock verdingt sich zudem als Dichter, Fotograf und Grafiker.
Das neue Umspannwerk soll den von den städtischen Elektrizitätswerken gelieferten Hochvoltstrom in die benötigte Spannung für das Straßenbahnnetz umwandeln. Zusätzlich werden im unterirdischen Teil des Gebäudes auf rund 500 Quadratmetern große Akkumulatoren gelagert. Diese sollen nach dem Prinzip einer Autobatterie im Fall eines Stromausfalles noch für eine Stunde Strom an das Straßenbahnnetz liefern. Dies geht jedoch nicht ohne Probleme von statten. Anwohner haben Angst vor einer Explosion durch austretende Schwefelgase. Diese könnten sich infolge einer fehlenden Ventilation bilden. Experten werden beauftragt, um Gutachten zu erstellen. Zeitweise droht gar die Einstellung der Arbeiten. Schließlich holt man Erfahrungsberichte aus anderen deutschen Großstädten wie Berlin und Leipzig ein. Damit können die Zweifel an der Sicherheit der Einrichtung ausgeräumt werden.
Eine Mitarbeiterin der Denkmalschutzbehörde berichtet: „Es gab schon zur damaligen Zeit verschiedene Befindlichkeiten von Anwohnern gegen das Objekt. Weniger gegen den Bau des Gebäudes, sondern gegen den unterirdischen Batteriekeller, der nicht nur unter dem Gebäude war, sondern sich bis zur Mitte des Getreidemarktes erstreckte. Nachbarn haben sich bei der Baubehörde beschwert. In den Bauakten konnte ich auch finden, dass selbst die benachbarte St. Pauli-Kirche, die Kirchgemeinde, bei der Baubehörde Bedenken angemeldet hatte gegen den Batteriekeller, weil eben Sorgen waren wegen Explosionen, wegen Lärm. Es war ja für die damalige Zeit doch auch eine revolutionäre Sache.“
Mit dem Umbau 1929 werden drei neue Obergeschosse aufgesetzt und ein 22 Meter hoher Turm errichtet, der als Belüftungsschacht dienen soll. Im Fuß des Turms wird die Gleichrichterstation eingebaut. Das Umspannwerk stellt sich somit als klar gegliederter, in kubischen Formen strukturierter Gebäudekomplex dar. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges nutzt die Verwaltung der Energieversorgung das Gebäude, bevor es 1954 in das Eigentum der städtischen Verkehrsbetriebe übergeht. In den 1960er Jahren werden der Langbau und der Turm nochmals aufgestockt, unter der Leitung des Ingenieurs Gerhard Kötz. Dies verleiht dem Gebäude erneut ein stark verändertes Aussehen.
Ab 1993 steht das Gebäude einige Zeit leer. Im Mai 2012 eröffnet dann die Jugendherberge Eins nach einem Komplettumbau. Gekonnt und liebevoll wurden einige technische Details in das umgebaute Gebäude integriert: eine Laufkatze sowie die Hälfte eines Schwungrades mit einem Gewicht von beachtlichen dreieinhalb Tonnen. Bis zu 130 Personen können in dem Haus in drei bis acht Bettzimmern übernachten. Es gibt einen Gemeinschaftsraum, einen Konferenzraum und eine Galerie. Im Außenbereich stehen Tischtennisplatten und ein Grillplatz zur Verfügung.
Die Denkmalschutzbehörde beschreibt: „Für uns als Denkmalschutzbehörde ist es eine sehr positive Umnutzung eines Industriedenkmals zu einer Jugendherberge in diesem Fall. An diesem Beispiel wurden auch Baufehler, die zu DDR-Zeiten begangen wurden, wie z.B. der Aufbau von Geschossen oder die Turmerhöhung, wieder zurückgebaut. Damit ist das Gebäude wieder in seinen Ursprungszustand der modernen Sachlichkeit gekommen, so wie es der Architekt Wagner-Poltrock in den 1920er Jahren geplant hatte“.
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09111 Chemnitz
Getreidemarkt 1