Villa Esche mit Henry van de Velde Museum
Die Villa Esche im Chemnitzer Stadtteil Kapellenberg wurde vom belgischen Künstler, Architekten und Bauhausmitbegründer Henry van de Velde in den Jahren 1902 und 1903 entworfen und eingerichtet.
Das umfassende künstlerische Gesamtkonzept erstreckte sich dabei vom Gartenzaun bis hin zum Geschirr. Benannt nach ihrem einstigen Besitzer, dem Textilfabrikanten Herbert Eugen Esche, ist die Villa Esche heute eines der bedeutendsten Baudenkmäler des Jugendstils und gilt als erster Wohnhausauftrag van de Veldes in Deutschland. Weite Teile der ursprünglichen Ausstattung sind im Originalzustand erhalten.
Nach umfassender Restaurierung beherbergt das Haus neben Trauzimmer und Restaurant ein Henry van de Velde Museum. Regelmäßig finden in der Villa Esche Konzerte und kulturelle Veranstaltungen statt.
Nicht nur aus seinem weiteren Umfeld, auch von seiner direkten Verwandtschaft sah sich Herbert Eugen Esche immer wieder mit kritischen Fragen zur Gestaltung seiner Villa konfrontiert. So jedenfalls erinnerte sich Esches Sohn Hans Ebert noch viele Jahre später. Gemeint war der Bau einer großen Villa draußen auf den Kartoffelfeldern am Rande von Chemnitz. Ein ungewöhnliches Haus, gewaltig, schnörkellos und von ungeheurer Präsenz. Das heutige architektonische Glanzstück von Chemnitz wurde damals mit Kopfschütteln bedacht.
Herbert Eugen Esche wurde 1874 in Chemnitz geboren. Am Walkgraben betrieb die Familie die größte Strumpffabrik Deutschlands. 1899 heiratete er Johanna Luise Körner und noch im selben Jahr wurden die Zwillinge geboren.
Das junge Ehepaar war kunstinteressiert und weltoffen. Prof. Dr. Christian von Boczikowski, Vorsitzender der Henry-Van-de-Felde-Gesellschaft Sachsen e.V. in Chemnitz, erzählt uns, wie die Esches auf den belgischen Architekten Henry van de Velde kamen: „Herbert Esche und seine Frau suchten für ihr zukünftiges Leben zunächst mal eine Ausstattung für ihre Wohnung. Da sie nicht so ein normales Ehepaar waren, wollten sie etwas Besonderes machen und stießen dabei über das Lesen von Kunstzeitschriften auf Van der Velde, der in Deutschland schon mehrere Wohnungen ausgestattet hatte“.
Als die Idee für eine neue Villa entstand, mussten die Esches nicht lange darüber nachdenken, wer das Vorhaben in die Tat umsetzen würde. Auf Henry van de Velde wartete die in jeder Hinsicht sehr reizvolle Aufgabe, ein modernes Gesamtkunstwerk zu schaffen. Es ging nicht nur um den architektonischen Entwurf des neuen Hauses, sondern auch um die komplette Innenausstattung. Von den Möbeln über die Wohntextilien und die Beleuchtung bis zum Speiseservice. Alles sollte aus einem Guss gestaltet werden.
„Van de Velde vertrat ja die Vorstellung, dass das gesamte Leben künstlerisch zu gestalten sei, also eine Einheit bilden sollte. Heute würde man das sicherlich Lifestyle nennen und so war Van der Velde ein Lifestyle-Berater der Familie Esche“.
1904 bezog Familie Escher das neue Domizil und sie füllten es mit Leben. Gäste waren immer willkommen und die Esches ein strahlender Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. 1905 war der norwegische Maler Edvard Munch Gast in der Villa Escher. Er porträtierte mehrfach die Eltern und beide Kinder.
Das unbeschwerte Leben der Familie fand aber schon einige Jahre später ein jähes Ende. 1911 starb Johanna Luise Esche mit erst 33 Jahren. Von einem Tag auf den anderen zog sich Herbert Eugen mit seinen beiden Kindern in ein sehr privates Leben in die Villa zurück. Zu dem schweren persönlichen Schlag kamen geschäftliche Probleme. Die Strumpffabrik verpasste im Laufe der Jahre die Zeichen der Zeit und den Anschluss an den Weltmarkt.
Im Sommer 1945 wiesen sowjetische Besatzer Herbert Escher aus seinem Haus. Die Villa wurde zur Kommandozentrale der sowjetischen Truppen. Im Herbst 1945 verließ der Unternehmer seine zerbombte Heimatstadt. Er sah seine Villa und die Stadt Chemnitz nicht wieder. Bis zu seinem Tod 1962 lebte Herbert Eugen Esche bei der Familie seiner Tochter in der Schweiz.
Das imposante Jugendstilhaus auf dem Kapellenberg beherbergte nach der sowjetischen Kommandozentrale und der Staatssicherheit noch einige Jahre eine Bildungseinrichtung. Nach der Wende stand die Esche Villa leer. In den Jahren 1998 bis 2001 folgte eine umfassende Sanierung und Restaurierung, nach der das Jugendstilhaus seine Türen, so wie früher, für Besucher öffnete. In den herrlichen Räumen ist ein Henry-Vande-Felde-Museum als Teil der Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen. Mit weitgehend originaler Möblierung vermitteln das Speise- und das Musikzimmer im Erdgeschoss einen eindrucksvollen Blick in die Vergangenheit. Auch die einstigen Privaträume der Familie Esche können besichtigt werden. Die ehemaligen Schlafräume und das Badezimmer im Obergeschoss zeigen, dass das moderne Gesamtkonzept van de Veldes tatsächlich bis ins kleinste Detail umgesetzt wurde.
„Architekturkenner sehen sich sehr oft die Villa Esche an, weil sie eines der ersten Beispiele ist, wie die Umsetzung von innerer und äußerer Gestaltung zusammenfällt. Auch verschiedene Materialien unterstreichen in einer bis dahin ungewohnten Weise, also Stein und Holz, auch in Putzgestaltung diesen Eindruck und fügen sich zudem noch in das Gelände ein. Man muss sich das ja auch so vorstellen, dass dort das Haus auf einer freien Fläche entstand. Und so wie man das jetzt sieht, dass eben eine Parklandschaft daraus geworden ist, die das Haus umschließt und so im Ganzen eine Einheit bildet zwischen dem Haus und dann auch der Gartenanlage, ist eine Besonderheit.“
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