Villa Kohorn

Villa Kohorn

Das von den Architekten Wenzel Bürger und Karl Johann Benirschke erbaute Haus gehört stilistisch der Reformarchitektur an und steht unter Denkmalschutz. Das Haus wurde ursprünglich für den Fabrikanten Friedrich August Hempel, Mitinhaber und Gesellschafter der Firma Gebrüder Lohse (Färberei- und Merzerisieranstalt), und seine Familie erbaut. Seit den 1930er Jahren ist das Gebäude in mehrere Wohnungen unterteilt.

Kein geringerer als Richard Strauss lauscht 1925 in der Villa Kohorn an der Parkstraße in Chemnitz der Hymne auf das Haus Kohorn, die er selbst komponiert hat. Der berühmte Komponist weilt schon zum wiederholten Male in der sächsischen Industriestadt. Er ist zu Gast bei seinem Freund, dem Theaterliebhaber und Sponsor Oskar von Kohorn. Der Industrielle hat in seinem Haus sogar eigens ein Schlafzimmer für das Ehepaar Richard und Pauline Strauß eingerichtet. Die Chemnitzer Oper ist in den 1920er Jahren eines der ersten deutschen Häuser, die Werke von Richard Strauß aufführen. Nicht zuletzt dank der großzügigen Spenden des großindustriellen Oskar von Kohorn. Aber auch zu anderen bekannten Künstlern seiner Zeit pflegt Kohorn enge Freundschaft, wie zum Beispiel mit Franz Lehar oder dem Tenor Leo Schlejak.

Oskar Freiherr von Kohorn zu Korneck, wie sein vollständiger Name lautet, ist ein international auftretender Teppichfabrikant, zudem ist er aktiv in verschiedenen weiteren Branchen. Er bekleidet Aufsichtsrat und Vorstandsposten, unter anderem in Wien und Budapest. Geboren wird Oskar von Kohorn im Oktober 1882 in Böhmen als zehntes Kind eines jüdischen Likörfabrikanten. Er absolviert ab 1906 eine Ausbildung an der Chemnitzer Webschule. Anschließend arbeitet er als Webereidirektor bei Bachmann und Ladewig. Bereits 1909 macht er sich mit einem eigenen Unternehmen selbstständig. Der 27-Jährige lässt in seiner Teppichfabrik Haargarnteppiche Marke Hohenzollern-Bouclé fertigen, die in der gehobenen Gesellschaft über die Grenzen hinaus Abnehmer finden, die Geschäfte florieren und von Kohorn weiß seine Gewinne anzulegen.

Im April 1917 erwirbt Oskar von Kohorn seine Villa am Rande des Stadtparks samt angrenzendem Park für die beachtliche Summe von 245.000 Mark. Die Villa wurde im Jahr 1908 für den Chemnitzer Fabrikanten August Hempel gebaut und gehört stilistisch zur Reformarchitektur. Vom Stadtpark aus wirkt sie kolossal, gleichzeitig jedoch leicht und verspielt. Der prägnante Rundturm mit seinem Umgang scheint aus dem Gebäude herauszuwachsen und symbolisiert Wehrhaftigkeit. Im Gegensatz dazu stehen die ebenerdigen Rundbogenöffnungen und der darüber befindliche Laubengang. Diese sind nicht erhalten geblieben, jedoch später wieder neu aufgebaut worden. Als neuer Besitzer lässt von Kohorn das Innere der Villa im Stil des Art Deco ausbauen. Er bewohnt sie fortan mit seiner Familie und hat berühmte Gäste, wie eben Richard Strauss.

1918 wird sein Schaffen mit der Erhebung in den Adelsstand gewürdigt. Mit seiner nach ihm benannten Stiftung engagiert sich Oskar von Kohorn bald für arme Familien. Aus dem Fonds wird im Osterzgebirge unter anderem ein Erholungsheim für hilfsbedürftige Kinder und Jugendliche gebaut. Mit der Weltwirtschaftskrise sind die goldenen Zeiten vorbei. Die Kohornsche Teppichfabrik muss Konkurs anmelden. Doch der rührige Unternehmer gibt nicht auf, sondern verlegt sich auf Kunstseide.

Ein Experte berichet: „Oskar von Kohorn stellte zuerst Teppiche her. Das lernte er in einer der größten Webereien in Chemnitz. Später produzierte er Maschinen, um Teppiche herzustellen und verlegte sich später auf die Produktion von Kunstseide, was wiederum ein Rohmaterial zur Herstellung von Teppichen und Textilien ist. Er verkaufte Lizenzen und Patente in die ganze Welt und baute und finanzierte später neue Werke.

Nach der Machtübernahme Hitlers hat der Fabrikant mit jüdischen Wurzeln für sich und seine Familie im Land keine Perspektive mehr. Die Geschäfte laufen schlecht, Oskar von Kohorn wird enteignet, die Villa in der Folge durch die Staatsbank verkauft. Der Fabrikant flieht 1935. Seine Ausbürgerung und die seiner Familie durch die Nazis erfolgt fünf Jahre später. Kohorn lässt Europa hinter sich und gelangt über Japan in die USA. Hier kann er recht schnell Fuß fassen. Durch seine internationalen Verbindungen und seinen unermüdlichen Tatendrang und Fleiß erlangt er auch hier wieder Ansehen und Reichtum.

der Experte fühhrt aus: „Zum 50-jährigen Firmenjubiläum gibt es eine Liste von Werken, die er gebaut hat in diesen 50 Jahren. Es sind über 100 Fabriken, die er in dieser Zeit errichtet hat, in über 30 Ländern. Man kann sagen, dass er damals schon sehr global unterwegs war und Globalisierung heutzutage nicht wirklich neu ist, sondern damals eigentlich schon existiert hat.“

1963 stirbt Oskar von Kohorn im Alter von 80 Jahren in New York City.

Was aber wurde aus der repräsentativen Villa Kohorn? Nach der Enteignung und Flucht der Familie Kohorn folgen unter der Zwangsverwaltung der Sächsischen Staatsbank umfangreiche Umbauarbeiten. Fünf Wohnungen entstehen. Ab 1941 nutzt ein Zahnarzt mit eigener Praxis die Villa in der Parkstraße. Das Haus übersteht das Kriegsende unbeschadet, doch für notwendige Reparaturen wie eine Neueindeckung des Dachs fehlt das Geld. 1975 kauft der Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt die Immobilie und nutzt sie als ambulante medizinische und therapeutische Einrichtung. Mitte der 1980er Jahre wird das Gebäude teils stark umgebaut.

Nach der Wende wird das Grundstück mit der Villa wieder in den Besitz der Familie Kohorn rückübertragen. 2004 erfolgt der Verkauf an die Chemnitzer Unternehmer Lars Fassmann, Sandra Deiringer und Stefan Pickschneider. In Abstimmung mit dem Sächsischen Landesamt für Denkmalpflege beginnt der Rückbau zur Wohnvilla. Die noch vorhandenen originalen Einbauten werden ins Projekt einbezogen. Bis heute wird die geschichtsträchtige Villa an der Parkstraße 35 als Wohn- und Geschäftshaus genutzt.

Tram-Linie 4, Haydnstraße

09120 Chemnitz
Parkstraße 35

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