Museum für sächsische Fahrzeuge Chemnitz e.V. in den Stern-Garagen
Das aus Chemnitz-Klaffenbach bekannte Museum für sächsische Fahrzeuge e.V. hat seit Dezember 2008 ein neues Domizil nahe der Chemnitzer Innenstadt gefunden. Hier in den "Stern-Garagen", einer der ältesten erhaltenen deutschen Hochgaragen, bietet sich der passende historische Rahmen für rund 200 Exponate von mehr als 70 Herstellern. Auf 1.000 Quadratmetern präsentieren sich dem Besucher über 150 Automobile, Motorräder und Fahrräder. In chronologischen Themenboxen finden Sie viele einmalige Zeugnisse der sächsischen Fahrzeugbaugeschichte zwischen dem späten 19. Jahrhundert und heute. Renn- und Geländesportfahrzeuge sind ebenso zu erleben, wie eine zeitgenössische Werkstattszene und die Marken „Wanderer“ und „DKW“.
Mit der Serienfertigung des Automobils kommt in den Innenstädten das Problem des ruhenden Verkehrs auf. Es gibt noch nicht genügend Parkplätze. Aber wer sich glücklich schätzt, Besitzer eines Automobils zu sein, will seinen Schatz auch des Nachts wohlbehütet wissen. Neben deutschen Großstädten wie Berlin, Stuttgart und Leipzig hat auch Chemnitz in den 1920er Jahren ein Parkplatzproblem. Vor allem auf dem Kaßberg, wo der begüterte Mittelstand wohnt und es viele Automobile gibt. Die Idee einer Hochgarage kommt auf. Mit im Verhältnis zur Höhe kleiner Grundfläche soll ein mehrgeschossiger Gebäudekomplex eine Vielzahl von Fahrzeugen aufnehmen können. Und dies möglichst zentrumsnah.
„Der Stern-Garagenhof oder diese Parkhäuser, die damals auch als Hochgaragenhof bezeichnet wurden, waren in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in ganz Deutschland errichtet worden, aber schwerpunktmäßig in Städten, die eng mit der Automobilindustrie in Verbindung standen. Das war in Chemnitz gegeben durch die Wanderer- und später Auto-Union-Ansiedlung in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt. Die Modernität dieses Parkhauses zeigt auch die Erschließung, dass man also mit Aufzügen die Autos in die oberen Etagen befördert hat, während eben in anderen Parkhäusern noch die Auffahrtsrampen und Spindeln funktionierten, hat man das hier sehr modern gestaltet. Und mit 300 Stellplätzen war es auch eines der größten dieser Art, vergleichbar mit denen in Berlin.“
Die Entwürfe des Regierungsbaumeisters Schindler in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Luderer und Schröder dienen als Vorlage zum Bau der zweiten Großgarage in Deutschland mit bis zu 400 PKW-Stellplätzen. Mittels drei platzsparenden Großaufzügen statt der heute üblichen Parkhaus-Rampen-Auffahrten gelangen die Autos in eines der fünf Obergeschosse. Diese Autolifte sind 2,60 Meter breit und knapp 6 Meter tief. Sie können Fahrzeuge bis zu drei Tonnen bewegen. Zusätzlich gibt es separate Personenaufzüge. Einige dieser Aufzüge sind auch heute noch in Betrieb.
In den fünf oberen Ebenen werden die Stellplätze als verschließbare Boxen an wohlhabende Chemnitzer dauervermietet. Die Parkflächen im Erdgeschoss stehen für Autos von Geschäftsreisenden zur Verfügung. Der Service kann sich sehen lassen mit einer Tankstelle, einer sogenannten Reparaturanstalt, heute Werkstatt genannt, sowie Wagenwaschräumen auf jeder Ebene. Hinzu kommen Ersatzteilgeschäfte, Reifendienst und Batterieservice. Mit bis zu 30 Angestellten entwickelt sich der Chemnitzer Sterngaragenhof zu einem Rundum-Service-Unternehmen für PKW und Motorräder. Aber auch an die Chauffeure ist gedacht. Aufenthaltsräume, ja sogar Waschräume mit Duschgelegenheit und Garderoben zählen zur Ausstattung des Garagenhofs. Nebenan wird ein Gebäude zum Hotel umgebaut und dem Garagenhof angegliedert. Darin befindet sich auch ein Casino. Der Service muss bestens sein. Schließlich kommen die meisten Kunden aus der besseren Gesellschaft. Denn einen fahrbaren Untersatz kann sich zu der Zeit bei weitem nicht jeder leisten.
Der Garagenhof ist ein Stahlbetonskelettbau. Decken und Dach sind Stahlbetondecken von je etwa 1000 Quadratmeter Grundrissfläche. Diese dienen zur Queraussteifung der Hochgarage. Ausgeführt wird die Baumaßnahme vom Chemnitzer Unternehmen Ernst Wiesel. Die Fassade ist dem Zweck des Gebäudes entsprechend nüchtern und geradlinig. Durch die großflächigen Stahlsprossenfenster an der Hauptfassade zum Walkgraben ist es tagsüber ausreichend hell und für eine gute Durchlüftung ist ebenfalls gesorgt.
Eine kuriose Besonderheit: Die Planungen gehen von einer zukünftig geänderten Verkehrsführung aus. Die Rückseite des Parkhauses soll später die Vorderseite sein. Doch die vielbefahrene Zwickauer Straße ist bis heute geblieben, wo sie immer war. Und die geplante Vorderseite des Parkhauses steht an einer Sackgasse am Walkgraben.
Gelobt wird das Bauwerk in der städtischen Presse wie folgt: „Das Garagenhochhaus wird aber nicht nur Autofahrern dienen, es wird zugleich das Straßenbild verschönern. Dieser Kolossalbau mit seiner Zehnfensterfront wird den Ruf Chemnitz als Industriemetropole Sachsens und aufstrebende Großstadt, die allen Anforderungen unserer bewegten Zeit gewachsen ist, weiter festigen. Und triumphieren wird dieses Hochhaus über all die Häuser und Häuschen in seiner Umgebung“.
Die Sicherheitseinrichtungen zum Brandschutz sind hervorragend. Zwei im Grundriss diagonal angeordnete Fluchtreppenhäuser sowie Feuerschutztüren, die einzelne Abschnitte des Gebäudes bei Feuer sichern sollen. Bei seiner Eröffnung im Oktober 1928 ist der Garagenhof eine der modernsten Hochgaragen in Deutschland.
Um 1940 wird der Parkhausbetrieb bereits eingestellt. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges sind zur Abwehr von alliierten Luftangriffen auf dem Dach Flaks stationiert. Diese verhindern jedoch nicht, dass die Gebäude getroffen werden. Das als Hotel genutzte Nebenhaus brennt vollständig aus, die Hochgarage kommt noch glimpflich davon. Nach Kriegsende übernimmt die Treuhandabteilung des Rates des Bezirkes die Immobilie und lässt sie sanieren. 1953 zieht ein Großhandelskontor für Haushaltswaren ein und von nun an wird die ehemalige Hochgarage als Lager genutzt. Eine Etage ist der Fahrbereitschaft des Rates des Bezirkes vorbehalten.
Nach der Wende entsteht in einem Obergeschoss ein Großraumbüro für 30 Mitarbeiter. Ein weiteres Großraumbüro dient als Einzelhandelsgeschäft für Haushalts- und Spielwaren. Auch das Industriemuseum Chemnitz mietet zeitweise Lagerräume und ein Designmöbelhaus bezieht eine Etage. 1994 wird das Objekt an den vormaligen Eigentümer, die Familie Borchardt, ansässig in Berlin und München, rückübertragen.
Die Geschichte des Sterngaragenhofs an der Zwickauer Straße ist damit nicht zu Ende. 2008 eröffnet in dem Gebäude ein Fahrzeugmuseum und zieht fortan mit seinen Exponaten viele Autoliebhaber in seinen Bann. Vor allem Mobile aus der Geschichte des sächsischen Fahrzeugbaus können bestaunt werden. In chronologisch angelegten Themenboxen stehen von Experten aufgebaute Automobile, unter anderem der Marken Wanderer und DKW, neben Motorrädern und Fahrrädern. Es sind etwa 200 Ausstellungsstücke von rund 70 Marken auf über 1000 Quadratmetern. Darunter befinden sich auch Zeugnisse des Rennsports. Eine liebevoll hergerichtete historische Werkstattszene sorgt nicht nur bei Nostalgikern für große Augen. Das Fahrzeugmuseum Chemnitz ist einen Besuch wert.
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