Wirkbau

Wirkbau

Der Grundstein für den Industriekomplex des ehemals größten Werkes für Textilmaschinen in Deutschland wurde bereits im Jahre 1883 gelegt. Nach zahlreichen Erweiterungen und Umbauten in der mehr als 120-jährigen Geschichte beheimatet das Gelände heute den Gewerbepark Wirkbau Chemnitz.

Das unter Denkmalschutz stehende Areal, dessen Name sich von dem hier im Jahre 1949 wieder etablierten Wirkmaschinenbau ableitet, wurde seit 1996 für über 14 Mio. EUR umfassend saniert und modernisiert.

In der Geschichte des Maschinenbaus findet man selten Unternehmen, die sich so rasant entwickelten wie das Chemnitzer Traditionsunternehmen Schubert & Salzer.

Alles beginnt 1883 in einem Hintergebäude der Chemnitzer Poststraße 69. Karl Schubert und Bruno Salzer, beide von Beruf Schlosser, entwickelten nach englischem Vorbild eine Flachwirkmaschine. Auf solchen Maschinen wird vorwiegend Kettenwirkware hergestellt – die schnellste Verarbeitungsform von Garnen zu Textilien.

Die Nachfrage ist enorm. Bald haben Schubert und Salzer ständig volle Auftragsbücher. Bereits drei Jahre später erwerben sie ein knapp 5000 Quadratmeter großes Grundstück an der Adorfer Straße. Dort entsteht ihre erste Fabrik. Sechs Jahre nach der Gründung wird die Firma mit einem Grundkapital von 500.000 Goldmark in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Unter stetem Zuwachs von Marktanteilen auf dem Sektor Wirkmaschinen investiert das Unternehmen in immer neue Standorte. Neben dem Ausbau des bestehenden Firmensitzes entstehen weitere Werke an der Lothringer Straße/Annaberger Straße, Fürstenstraße und Zwickauer Straße.

Ab 1892 produziert Schubert & Salzer die ersten Cottonmaschinen, vier Jahre später kommt eine Fahrradfertigung hinzu. Die Produktpalette wird kontinuierlich erweitert. Wirkmaschinen, Tüll-, Kettel-, Näh- und Spulmaschinen verlassen die Werke. Hinzu kommen Werkzeugmaschinen und Gardinenstühle. Mit der Jacquard-Petit-Nähmaschine wird eine eigene Entwicklung erfolgreich am Markt eingeführt.

Um unabhängig von Zulieferern zu werden, fertigt das Unternehmen zunehmend eigene Stahl- und Gussteile in betriebseigenen Gießereien. Diese vertikale Integration stärkt die Wettbewerbsfähigkeit und unterstützt das weitere Wachstum.

Der Erfolg kann sich sehen lassen: Ab 1918 ist das Unternehmen Weltmarktführer im Bereich der Flachstrickmaschinen. In den folgenden Jahren expandiert die Schubert & Salzer Maschinenfabrik AG weiter. Eigene Versorgungsanlagen, moderne Werkstätten und umfangreiche Neubauten entstehen.

Zu den markantesten Bauwerken dieser Zeit gehört der zwischen 1926 und 1928 nach Plänen des Architekten Erich Basarke errichtete Uhrenturm im heutigen Wirkbau-Komplex. Der Turm im Stil des Art déco gilt als eines der bedeutendsten Industriegebäude der Stadt und wird im Volksmund auch als „Chemnitzer Campanile“ bezeichnet. Mit seiner auffälligen Farbgestaltung aus violett-braunem Klinker, blauem Fugenmörtel und korngelbem Ziffernblatt prägt er bis heute das Stadtbild.

In den 1920er Jahren entwickelt sich Schubert & Salzer zur größten Maschinenfabrik Chemnitz’. Mit einer Jahresproduktion von rund 48 Millionen Reichsmark und etwa 5500 Beschäftigten erreicht das Unternehmen seinen wirtschaftlichen Höhepunkt.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme verändert sich auch im Spinnereimaschinenbau das Produktionsprofil. Zunehmend werden Rüstungsgüter gefertigt, gleichzeitig exportiert das Unternehmen weiterhin Textilmaschinen.

Bereits 1938 erwirbt Schubert & Salzer eine Spinnereimaschinenbaufabrik im bayerischen Ingolstadt, in der wichtige Gussteile hergestellt werden. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs werden jedoch bei alliierten Luftangriffen rund zwei Drittel der Chemnitzer Fabrikanlagen zerstört. Funktionsfähige Maschinen werden anschließend als Reparationsleistung in die Sowjetunion transportiert. Die verbliebenen Betriebsteile gehen in Volkseigentum über und werden verschiedenen Großbetrieben, darunter dem späteren Kombinat Textima, angegliedert.

1948 wird die Schubert & Salzer Maschinenbau AG Chemnitz aus dem Handelsregister gelöscht. Der Hauptsitz des Unternehmens befindet sich fortan in Ingolstadt.

Als Teil des Kombinats Textima behauptet der VEB Wirkmaschinenbau über vier Jahrzehnte seine Stellung im Textilmaschinenbau. Bis zu 2000 Beschäftigte arbeiten am Standort Chemnitz, wo unter anderem Maschinen zur Herstellung von Obertrikotagen produziert werden. Nach der politischen Wende 1989 wird versucht, das Unternehmen unter marktwirtschaftlichen Bedingungen neu zu etablieren. Doch am 1. März 1994 wird die Wirkbau-Textilmaschinen GmbH abgewickelt.

Seit 1996 werden die denkmalgeschützten Fabrikgebäude umfassend saniert, modernisiert und zu einem Gewerbepark umgestaltet. Mehr als 14 Millionen Euro fließen in die Umnutzung des historischen Areals. Heute sind dort über 50 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen ansässig. Unter dem Namen „Wirkbau“ bleibt die Erinnerung an das einst größte Chemnitzer Unternehmen lebendig.

Der Architekturkritiker Dankwart Guratzsch würdigte diese Entwicklung 2003 mit den Worten: „Was in anderen Städten Kathedralen und Schlösser sind, das sind in Chemnitz die Paläste und Dome des Maschinenbaus und der Textilindustrie.“ Die erfolgreiche Umnutzung zahlreicher Industriedenkmale macht Chemnitz bis heute zu einem Vorreiter im Umgang mit seinem industriellen Erbe.

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